Psalm 80 - Praxis eines Methodenprogramms

Eine literaturwissenschaftliche Untersuchung mit einem gattungskritischen Beitrag zum Klagelied des Volkes

von Thomas Hieke, Bamberg

(Zusammenfassende Darstellung der Dissertation)

(English abstract)

  1. Forschungsstand

    Die wissenschaftliche Psalmenexegese verfolgte bisher verschiedenste methodische Ansätze. Ergebnis waren allenfalls Einzelaspekte meist unter einem bereits vorgefaßten Blickwinkel. Ein einheitliches, umfassendes und logisch durchdachtes Analyseprogramm, um unvoreingenommen zum Verständnis der Gestalt und des Gehalts eines Psalms an sich vorzustoßen, gelang bisher nicht. So stehen z.B. philologische Untersuchungen sehr unterschiedlicher Qualität unvermittelt neben historisch-kritisch orientierten Versuchen, einzelne Psalmen in konkrete geschichtliche Situationen des Volkes Israel einzuordnen, wobei der anfängliche Optimismus einer tiefen Unsicherheit gewichen ist.

    Ein Durchbruch war die Entwicklung der formgeschichtlichen Methode durch Herrmann Gunkel. Setzte Gunkel zunächst vor allem religionsgeschichtlich-vergleichend beim "Sitz im Leben" der Psalmen ein, so rückte bald die Untersuchung der Form der Psalmen in den Vordergrund - oft aber einseitig unter dem Aspekt der Gattung, so daß das individuelle Profil des einzelnen Psalms weitgehend unberücksichtigt blieb. An Gunkel knüpften von den deutschen Exegeten vor allem Claus Westermann, Frank Crüsemann und Hans-Joachim Kraus an. Auch wenn manche Forscher zahlreiche Analyseschritte darunter einordnen, wie dies z.B. Klaus Koch tut, hat diese Methode ihre Grenzen, wie James Muilenburg schon im Jahre 1969 fragte: "Form Criticism And Beyond?" (JBL 88 (1969) 1). Es folgte eine rege Methodendiskussion, die sich vielleicht beruhigt, aber noch kein endgültiges Ergebnis gebracht hat. Im nordamerikanischen Bereich wurden verschiedene Ansätze vorgestellt ("rhetorical criticism", "theologische Interpretation", "reader-oriented study" usw.). Hier und auch in Europa wird mehr und mehr die Frage nach der Bedeutung des jeweiligen Psalms im Psalter und nach der Gestalt des Psalters als solchem gefragt. Auch Frank-Lothar Hoßfeld und Erich Zenger arbeiten in dieser Richtung in ihrem neuesten Psalmenkommentar (Neue Echter Bibel). Wieder werden Gestalt und Profil des einzelnen Psalmtextes kaum beachtet, denn hier handelt es sich um die Ausweitung auf einen neuen Analysegegenstand (der Psalter), nicht um eine Klärung der Methodik. Nach wie vor bleibt die auch auf dem Kongreß der Society of Biblical Literature im November 1993 ergebnislos diskutierte Frage offen, mit welchen Mitteln an Psalmen herangegangen werden kann.

    Richtungsweisend für die exegetische Arbeit an Einzeltexten war im deutschsprachigen Bereich das programmatische Werk Wolfgang Richters, "Exegese als Literaturwissenschaft. Entwurf einer alttestamentlichen Literaturtheorie und Methodologie" (1971). Die neue Aufgabe ist gestellt: Es gilt, fächerübergreifend die wertvollen Ergebnisse der Linguistik und Literaturwissenschaft der letzten Jahrzehnte in ihrem Ertrag für die wissenschaftliche Exegese der Heiligen Schrift fruchtbar zu machen. Im Vergleich zu früheren Ansätzen stehen nun ungleich viel mehr und differenziertere Analysemethoden für Texte zur Verfügung. Ihre Anwendungsmöglichkeiten in der Exegese sind noch kaum erschlossen. Für die Psalmenforschung hat hierzu Hubert Irsigler ein Methodenprogramm entwickelt, an Psalm 73 vorgestellt (1984) und seither ausgebaut. Da der reiche Schatz der literaturwissenschaftlichen Methoden bisher nur ungenügend für die Auslegung anderer Psalmen fruchtbar gemacht wurde, hat diese Dissertation vor, hier anzusetzen und ein breites (im Idealfall das gesamte) Repertoire an Analysemethoden an Psalm 80 und der Gattung des Volksklageliedes in logisch stringenter Abfolge anzuwenden. Der Gewinn liegt in einer mit verfeinerten literaturwissenschaftlichen Methoden durchgeführten Einzeltextanalyse. Erst daraus kann eine Klärung des Gattungsbegriffs und der Psalmgattung "Klagelied des Volkes" folgen, die wiederum das Verständnis des Einzeltextes fördert. Aus beiden Schritten läßt sich ein tieferer Einblick in die Religions- und Glaubensgeschichte des Volkes Israel erarbeiten.

    Zudem wird eine methodische Klarheit angestrebt, die für die Analyse anderer Texte biblischer, religiöser, aber auch profaner Art von großem Vorteil sein wird.

     

  2. Methodenprogramm

    Die Arbeit orientiert sich im Wesentlichen an dem Motto "Exegese als Literaturwissenschaft" und vor allem an dem von Prof. Dr. Hubert Irsigler entwickelten Methodenprogramm: die theoretische Anordnung der methodischen Schritte, die Erschließung der Sprechakttheorie für biblische Texte und seine Arbeiten zu Grammatik und Syntax des Althebräischen. Es handelt sich, wie gesagt, um ein Methodenprogramm, d.h. um ein ganzes Ensemble verschiedenster methodischer Schritte, die in einer logisch zwingenden Reihenfolge angewendet werden können. In dieser Arbeit wird versucht, soweit irgend möglich alle zur Verfügung stehenden Analysemöglichkeiten darzustellen, zu reflektieren und anzuwenden. Dies wurde in einer derart vollständigen Art und Weise meines Wissens bisher noch nicht praktiziert und geschieht auch im Blick auf eine gewisse Musterhaftigkeit oder Exemplarität. Selbstverständlich ist immer eine sinnvolle Auswahl aus dem Methodenpotential je nach Art und Gestalt des Untersuchungstextes notwendig. Voraussetzung für diese sinnvolle Auswahl ist jedoch die Kenntnis und Reflexion der exegetischen "Werkzeuge" sowie ihre praktische Anwendung an einem Exemplar. Das ist hier angezielt. Es geht also weder um die Neuschöpfung einer Methodik, noch um eine Diskussion, welche Methode die allein geeignete wäre, noch um ein Methodenbuch. Im Vordergrund steht die praktische Anwendung eines bestehenden, logischen und umfassenden Ensembles von exegetischen Arbeitsmitteln. Daher lautet auch der zweite Haupttitel: "Praxis eines Methodenprogramms".

     

  3. Inhalt und Gliederung der Untersuchung

"Du Hirte Israels, höre, der du Josef weidest wie eine Herde! Der du auf Kerubim thronst, erscheine vor Efraim, Benjamin und Manasse!" - So beginnt das Volksklagelied Psalm 80, dessen Hauptanliegen, die Wiederherstellung des einstigen Glanzes des davidisch-salomonischen Königreiches, in einem Refrain dreimal wiederholt wird. Das Volk, für das eine "wir"-Gruppe stellvertretend vor Gott, vor YHWH †Àba˜›t, hintritt, leidet unter dem Zorn Gottes und dem Spott der Nachbarvölker. Die einstige Herrlichkeit wird in dem Bild vom Weinstock aus Ägypten ausgedrückt, den YHWH †Àba˜›t (Font) eingepflanzt hat und der sich wunderbar ausbreitete. Jetzt aber hat Gott die schützenden Mauern eingerissen, so daß wilde Tiere (bildhaft für die Nachbarvölker) ihn abfressen und verwüsten. Das Volk bittet inständig um die Vernichtung dieser Feinde und um die Erhaltung des Lebens, d.h. auch der nationalen Existenz. Nur dann kann es YHWH treu bleiben und seinen Namen preisen.

 

Dieser Psalm war für die exegetische Forschung besonders deswegen interessant, weil er ausdrücklich Volksgruppen des Nordreiches Israel erwähnt, vom Geschick des Südreiches Juda jedoch schweigt. Das Hauptaugenmerk galt seiner historischen Verankerung ("Datierung"). Neben der zweifellos berechtigten historischen Frage muß es jedoch auch um die literarische Gestalt und Gestaltung dieses poetischen Textes gehen. Die Einzelschritte der Analyse werden im folgenden erläutert.

Grundlage und unabdingbarer erster Schritt ist die Textkonstitution, die Festlegung des Untersuchungsgegenstandes mit Hilfe der Textkritik, seine Abgrenzung und literarische Schichtung durch die Literarkritik.

Vor dem Blick auf verwandte Texte und Textsorten (Gattungen) gebührt dem Text als individuelles poetisches Produkt die ungeteilte Aufmerksamkeit. Daher folgen die drei Hauptschritte der Einzeltextanalyse. Die Kritik der Textstruktur fragt nach der Häufigkeit, Verteilung und Verknüpfung von Textelementen auf Wort-, Satz- und Textebene. Der Schwerpunkt liegt auf der gründlichen syntaktischen Analyse des Textes. Ferner sind für die Textstruktur die Fragen nach den Redeperspektiven und den Personen und Rollen von besonderem Gewicht. Die Struktursynthese versucht, einen zusammenfassenden Überblick über Gestalt und Gestaltung des Textes zu geben. Bleibt auch der Untersuchungsgegenstand gleich, so ändert sich die Frageperspektive mit der Kritik der Textbedeutung. Nach einigen Vorüberlegungen zum Begriff der Bedeutung und zur Methodik wird nach der textuellen Bedeutung einzelner Segmente gefragt, z.B. was bedeutet "Hirte" in genau diesem Kontext Ps 80,2? Ein zweiter Schritt fragt nach den semantischen Beziehungen und Ebenen, die diese Elemente aufspannen. Ein dritter Schritt wendet sich der Bedeutung des Textes als ganzem zu: was er aussagt, was er tut, was er wirkt. Gerade die Frage, was ein Text tut bzw. was der Sprecher mit dem Vollzug des Textes tut, verdient nähere Betrachtung. Hier liegt ein besonderer Schwerpunkt dieser Arbeit: die Anwendung der Sprechaktanalyse auf poetische Texte, wie sie Prof. Dr. Irsigler schon mehrfach in seinen Publikationen skizziert hat. Sind auf diese Weise Handlungs- und Wirkgehalt näher beschrieben worden, hat man ein gesichertes Datenmaterial, um die theologischen Fragen nach dem Weltbild, dem Selbstbild und dem Gottesbild des Psalms anzugehen. Der Rolle des Psalmtexts in der zwischenmenschlichen Kommunikation widmet sich die Kritik der Textfunktion. Sie fragt nach den Kommunikationsfaktoren, den kommunikationsorientierten sowie sprecher- und adressatenbezogenen Intentionen der Verfasser und nach Möglichkeiten und Grenzen einer text- bzw. situationsadäquaten Wiederverwendung des Psalms in der Geschichte und in heutigen (oft liturgischen) Zusammenhängen.

Die Einzeltextebene wird im Blick auf die Texttypik überschritten: Zunächst geht es um die sprachlichen Voraussetzungen: Wo verwendet der Text geprägtes Material und Formulierungen, die auch in anderen Texten auftauchen? Der Verfasser setzt vieles bei seinen Zeitgenossen (mit Recht) voraus. Der Exeget von heute muß sich diesen Hintergrund erst mühevoll durch den Vergleich mit anderen Texten vergegenwärtigen. Das gilt auch für die Frage nach der geprägten literarischen Textstruktur: Gattungsanalyse. Dem Verfasser und den Betern von Ps 80 waren Textbildungsmuster (wie "man" z.B. ein Gebet formuliert) geläufig, die heute nicht mehr bekannt sind. Das schränkt das genaue Verständnis des Textes erheblich ein. Daher ist die Gattungsfrage ein Schwerpunkt dieser Arbeit. Nach einem kurzen Überblick über die bisherigen Ansätze von Textsortenbestimmung und alttestamentlicher Gattungskritik wird versucht, die Gattung "Volksklagelied" anhand von acht ausgewählten Texten (Ps 44; 60,3-7.12-14; 74; 79; 80; 83; 85,5-8 und Klgl 5) auf allen relevanten Ebenen zu beschreiben. Dazu wird die Abfolge der Methodenschritte der Einzeltextanalyse herangezogen, wobei die Aspekte ausgewählt werden, die für die Textsortenbestimmung ertragreich sind. Neben der Textstruktur und den Personen und Rollen gilt auch hier das besondere Interesse dem Handlungsgehalt der Texte. Ein qualitativ und quantitativ angelegter Textvergleich mit Hilfe der Sprechaktanalyse läßt erkennen, daß sich eine "Gattung" (hier am Beispiel des Volksklageliedes) als geprägter Sprechhandlungsprozeß auffassen läßt. Schließlich werden die Fragen nach Weltbild, Selbstbild und Gottesbild und nach der kommunikativen Textfunktion auch auf der Gattungsebene gestellt. Wenn nun die Gattung "Volksklagelied" durch diese Methodik möglichst umfassend beschrieben ist, wird gefragt, ob Elemente und Strukturen der Gattung sich noch in anderen Texten niederschlagen, etwa auch, ob sich Gattungsvariationen, Nachahmungen oder Parodien finden lassen. Geprägte Strukturen religiöser Texte resultieren meist aus ganz bestimmten Situationen im privaten und öffentlichen religiösen Leben: Daher stellt sich die Frage nach dem "Sitz im Leben" der beschriebenen Gattung "Klagelied des Volkes". Abgeschlossen wird die Gattungsanalyse mit einer theologischen Bewertung des Phänomens der Klage, das letztlich mehr als eine literarische Gattung ist. Nach der geprägten Struktur geht es im dritten Schritt der Texttypik um die geprägte Bedeutung: Welche Motive und Themen greift der Untersuchungstext Ps 80 auf? Eine ganze Reihe vertrauter Elemente (Gott als Hirte, der Gottesname YHWH †Àba˜›t, die Exodusthematik usw.) bedürfen hier der näheren Untersuchung, um die Inhaltsvoraussetzungen der Verfasser und Beter des Textes zu erfassen. Ist das geprägte Material eines Textes bekannt, wird die Frage der Traditionskritik gestellt: Welche Strukturen und Stoffe sind von besonderem Interesse für die Überlieferung, und welche Tradentenkreise stehen hinter diesem Text?

Ein letzter Hauptpunkt fragt nach der literarischen und soziokulturellen Textverankerung. In welchem Horizont steht der Text, welche religiösen, politischen und sozialen Einflüsse verrät er? In welchen kultischen Zusammenhängen wurde er primär verwendet? Der Schwerpunkt liegt hier aber auf der Frage der Textentstehung: Nach einer forschungsgeschichtlichen Darstellungen der bisherigen Positionen, die ein Spektrum von 1000 Jahren aufspannen, wird anhand aller bisherigen Ergebnisse eine eigene Antwort auf die Frage nach Abfassungszeit und Verfasser versucht, d.h. eine vertretbare Hypothese zur geschichtlichen und kommunikativen Situation des Psalms und über seine Entstehungsverhältnisse gewonnen.

Im ersten Schritt wird nach möglichen literarischen und vor allem soziokulturellen Kontexten gesucht, die sich im Psalm widerspiegeln. Aus der Gattungsanalyse und der Frage nach dem "Sitz im Leben" ergibt sich die Volksklagefeier als ritueller Ort derartiger Texte. Anhand von Vergleichen mit biblischen Quellentexten und mit Hilfe der Forschungsliteratur kann die Gestalt und der Charakter dieser Volksklagefeier erarbeitet werden, um eine Vorstellung von der Institution zu gewinnen, die möglicherweise auch für Ps 80 maßgeblich war. Neben 2 Chr 20 wird eine ganze Reihe weiterer Texte herangezogen, um ein Bild von dieser Feier zu erhalten. Aufgrund texttypischer Ähnlichkeiten zwischen dem in Joel 2,17 erwähnten Klagegebet und den Volksklageliedern darf angenommen werden, daß Texte wie Ps 80 für derartige Feiern entworfen und darin aufgeführt wurden. Dabei werden vor allem die in Ps 80 selbst enthaltenen Hinweise auf eine kultische Entstehung und Verwendung ausgewertet.

Der zweite Schritt zielt auf die konkrete Textsituation und Textverwendung von Ps 80. Dabei wird auch die Frage nach der Institution von "Kultpropheten" angeschnitten, die in der Fachliteratur sehr häufig und kontrovers diskutiert wird. Es lassen sich jedoch keine eindeutigen Hinweise dafür ermitteln, daß Ps 80 in einem kultprophetischen Kontext entstanden sein könnte. Die Trägerkreise von Ps 80 sind hier nicht näher zu differenzieren, sicher aber unter den mit dem Kult beauftragten Personen zu suchen. Von der Gestaltung des Psalms her ist es zwingend, daß seine Verfasser dichterisch begabte und theologisch kompetente Menschen waren. Vermutlich waren diese mit religiösen Aufgaben betrauten Leute auch die Sprecher des Textes in der Volksklagefeier. Daß aus dem Psalm selbst nur sehr wenige Angaben über seine primäre Verwendungssituation zu gewinnen sind, liegt in der Natur des Textes: Er ist als "Wiederverwendungstext" zu bezeichnen, der so offen gestaltet ist, daß seine erneute Verwendung in anderen Situationen ohne großen Aufwand möglich ist. Die in Ps 80 reflektierte Notsituation ist so flexibel dargestellt, daß auch andere geschichtliche Situationen als die, anläßlich der der Text entstanden ist, mit dem Text in Verbindung gebracht werden können.

Dieser "Formularcharakter" des Psalmtextes macht die Frage nach Zeit und Raum der Textentstehung sehr schwierig. Die Positionen in der Forschungsgeschichte reichen vom 12. Jh. bis zum 3. Jh. vC. Die Extrempositionen lassen sich noch relativ leicht als unwahrscheinlich erweisen. Allerdings muß eine genauere historische Eingrenzung immer hypothetisch bleiben. Den Ausschlag gibt die eigenartige Erwähnung der Stämmetrias "Efraim, Benjamin, Manasse" in 80,3 (die aber nicht das einzige Argument ist). Die plausibelste Erklärung für diese Namen ist, daß es sich hier um Territorien (und die darin ansässige Bevölkerung) handelt: das palästinische Kernland der Siedlung Israels. Dieses Gebiet ist genau der Teil, der nach der ersten Eroberungswelle durch den Assyererkönig Tiglat-Pileser III. im 8. Jh. vC noch als selbständiges Gebiet für das Nordreich übrig bleibt, während das Küstengebiet, der Norden und der Osten zu assyrischen Provinzen werden. Es spricht einiges dafür, daß dieser "Rumpfstaat Efraim" im Jahrzehnt zwischen 733 und 722 vC hinter der Nennung der drei Stämme in Ps 80,3 steckt. Alle anderen Ansetzungen müssen diese Stämmetrias sofort metonymisch oder metaphorisch verstehen, was aber für die primäre Entstehung unwahrscheinlich ist. Es ist auch die Mehrzahl der Forscher, die sich für diese Datierung entscheidet, für die die meisten Argumente sprechen. Spätere Überarbeitungen mögen damit nicht ausgeschlossen sein, allerdings sind derartige Textveränderungen kaum mehr greifbar.

Folgendes Hauptproblem ist für Ps 80 charakteristisch: Die Betroffenen und das Hauptanliegen verweisen eindeutig auf das mittelpalästinische Gebiet (Nordreich), allerdings zeigen einige Termini und bestimmte Gestaltungen eine auffällige Nähe zu Jerusalemer Tempeltraditionen. Will man hier eine diachrone Textscheidung in "Nordreich-" und "Jerusalemer" Passagen vermeiden, da sich keine textinternen Anhaltspunkte dafür finden, gibt es zwei Möglichkeiten: Der Text wurde an einem Heiligtum des "Rumpfstaates Efraim" (Sichem oder Bet-El) verfaßt, wobei mit dem Südreich gemeinsame Traditionen verwendet wurden bzw. Jerusalemer Traditionen einen gewissen Einfluß hatten, oder, was vielleicht plausibler erscheint, Flüchtlinge aus dem Nordreich bzw. dem Rumpfstaat veranstalteten am Jerusalemer Tempel eine Volksklagefeier unter dem Eindruck der assyrischen Eroberung des Nordreiches. Die in Ps 80 vorausgesetzte Verwüstung des Landes legt es nahe, die Abfassung des Textes kurz nach den Ereignissen von 722/20 vC anzusetzen und in Jerusalem zu lokalisieren.

Aus der Phase der Erarbeitung und im Blick auf die divergierenden Forschungsmeinungen ist klar, daß die genannte geschichtliche Verankerung immer hypothetisch ist. Hundertprozentige Sicherheit ist aufgrund der Art und Anzahl des Quellenmaterials nicht zu gewinnen. Vorzuziehen ist die These, die die meisten der Beobachtungen und Analyseergebnisse am plausibelsten erklären kann.

Abschließend wird die Textgeschichte behandelt, insbesondere die Frage nach dem Ort von Ps 80 im Psalter. Ausgehend von der Entstehungsgeschichte ist nach dem weiteren Werdegang des Psalms zu fragen. Mündliche Vorstadien können nicht nachgewiesen werden. Ps 80 war von Anfang an als poetisch-theologisch aufwendig gestaltetes Gebet schriftlich fixiert. Dieser Psalmkorpus erfuhr aber eine Reihe literarischer Bearbeitungen: Schon auf der Ebene der Literarkritik erwies sich 80,18 als Zusatz. Es handelt sich um eine kunstvoll eingeflochtene Fürbitte für einen davidischen König (wie der Vergleich mit Ps 18,36; 20,7; 89,22; ferner 2,7 und 110,1 zeigt). Beim Blick auf die konkrete Zeitgeschichte kann dies nur König Joschija von Juda sein, der als besonderer Hoffnungsträger aus der Reihe der Könige dieser Zeit, die sonst als schlecht beurteilt werden, hervortritt. Joschija hat tatsächlich auch konkrete Versuche unternommen, Teile des verlorenen Nordreiches der im Niedergang befindlichen assyrischen Großmacht zu entreißen. Wenn man den angesetzten Datierungen folgen will, hat also der Psalm ein Jahrhundert nach seiner Entstehung eine Renaissance erfahren, bei der die Königsfürbitte eingeflochten wurde. Weitere literarische Bearbeitungen, insbesondere in der Exilszeit, sind durchaus möglich, im Text aber nicht sicher zu greifen. Sicherlich sekundär angefügt sind dagegen die Überschriften, deren genaue Bedeutung aber bis heute im Dunkeln liegt. In den zahllosen Äußerungen über diese Überschriften in der Forschungsliteratur läßt sich ein Minimalkonsens darüber erkennen, daß nur sehr wenig über den ursprünglichen Sinn dieser Termini gesagt werden kann. In jedem Fall sind die Überschriften ein Zeugnis für die fortwährende Tradierung und Verwendung des Psalms.

Als weitere Etappen in der Geschichte des Psalms gelten die Elohistische Redaktion, bei der die Tendenz festzustellen ist, den Gottesnamen YHWH durch Elohim zu ersetzen (Ps 42-83), und die Art und Weise der Aufnahme des Psalms in die Sammlungen des Psalters. Hier liegt ein Schwerpunkt der neuesten Psalmenforschung: die Heranziehung des Psalters als Interpretationshintergrund für den Psalm bzw. die Frage nach bewußter Aneinanderreihung bestimmter Psalmen und einer "theologischen" Gestaltung des Psalters. Vor allem im nordamerikanischen Bereich gibt es dazu mehrere Arbeiten. Bei der Untersuchung der Auswirkung der Zusammenstellung von Ps 80 mit seinen Nachbarn Ps 79 und 81 ergab sich eine interessante Beobachtung: Zwischen Ps 79 und Ps 80 gibt es eine Reihe von begrifflichen Korrespondenzen, die auf eine bewußte Verkettung der Texte schließen läßt. Da Ps 79 eindeutig auf die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Babylonier 586 vC zu beziehen ist, darf vermutet werden, daß diejenigen, die Ps 80 daran anschlossen, diesen Psalm ebenfalls auf das einschneidende Ereignis von 586 vC gedeutet haben. Somit ist die Zusammenstellung mit Ps 79 ein weiterer Hinweis auf die fortwährende Aktualisierung und Neuverwendung von Ps 80, der ja mutmaßlich aus dem 8. Jh. stammt. Auch die Verknüpfung mit Ps 81 ist bewußt gestaltet und zeigt die theologischen Intentionen der Psalmen-Sammler: Läßt Ps 80 die Warum-Frage nach dem Unglück des Volkes bewußt in der Klage offen, so gibt die Gottesrede in Ps 81 aufgrund der Verkettung der Psalmen eine Antwort auf Ps 80: Die Verstocktheit und der Ungehorsam des Volkes ist der Grund für das strafende Handeln Gottes. Die in Ps 80 aufgeworfene "Theodizee-Frage" nach Gott angesichts des Leidens seines Volkes wird mit Ps 81 nahezu neutralisiert, indem das Unheil als Gottes Strafe bzw. Folge des Ungehorsams dargestellt wird. Damit sind bereits in der Bibel selbst Auslegungsvorschläge für Ps 80 durch die Verkettung mit den Nachbarpsalmen gegeben, und man stellt fest, wie die biblischen Verfasser mit den scharfen Anklagen an Gott, wie sie Ps 80 formuliert, umgehen: Die Klage wird nicht ausgemerzt, sondern beibehalten, aber in einen größeren Zusammenhang gestellt.

Ein nicht unerheblicher Gesichtspunkt in der Geschichte des Psalms ist die Einbettung in den Psalter und dessen Funktionswandel: Aus den Gebeten der Menschen zu Gott wird allmählich ein Meditationsbuch, wie Ps 1 als Motto angibt. Die Worte der Menschen zu Gott werden Wort Gottes, Heilige Schrift.

In der Erarbeitung einer zusammenfassenden Interpretation liegt das Ziel der exegetischen Bemühungen: eine theologische Bewertung und Kontextualisierung, u.a. auch durch die Konfrontation des Bibeltextes mit der Welt von heute. In zwei Schritten führen die Analysen und Beobachtungen zu einer Gesamtinterpretation. Der erste Schritt gilt dem primären literarischen Textsinn.

Das Primärverständnis des Psalms in seiner Entstehungs- und ursprünglichen Verwendungssituation ist unaufgebbar, um einen naiv-biblizistischen oder auch fundamentalistischen Umgang mit dem Bibeltext zu vermeiden. Der Text selbst und seine Interessen sollen im Vordergrund stehen, und es muß verhindert werden, daß unterschwellige Interessen heutiger Verwender dem Text aufgezwungen werden. Daher wird ausgehend von der erarbeiteten Entstehungssituation und dem geschichtlichen Hintergrund das Primärverständnis zusammengefaßt und die ursprünglichen Intentionen der Verfasser dargestellt. Ps 80 ist im 8. Jahrhundert vC in einer schweren militärischen Bedrohung des Nordreiches als ein Hilferuf der unter der Bedrohung durch die Großmacht Assur stehenden Israeliten entstanden. Er wurde anläßlich einer Volksklagefeier, für die es ein mehr oder weniger gesichertes Ritual gab, als künstlerisch gestaltetes Gebet verfaßt und aufgeführt. Sein Hauptanliegen ist die Bitte um die erneute Zuwendung Gottes und um seine Hilfe angesichts der schweren Existenzbedrohung, die in scharfen Klagen Gott vor Augen gebracht wird. Der Psalm dient auch dazu, ein Ventil für die eigene Not, die Wut und die Angst zu bieten und diese Gefühle herauszuschreien. Neben diesem Primärsinn zeigt sich die "Tiefensemantik": psychologische Erfahrungsstrukturen, Menschenbilder und Gottesvorstellungen, die sich in dem Text widerspiegeln. Dafür war besonders die Untersuchung der Sprechhandlungen (mit Hilfe der Sprechakttheorie) hilfreich. Weiterhin hat die Textgeschichte bereits angezeigt, daß es nicht bei dem erarbeiteten Primärsinn blieb, sondern daß sich mit den neuen Situationen im Laufe der Jahrhunderte auch der Sinn des Psalms immer wieder geändert hat. In diesem Zusammenhang ist nach den Kriterien für eine adäquate Wiederverwendung des Textes zu fragen, nachdem einige Beispiele aus der Geschichte gezeigt haben, wie willkürlich manchmal mit Ps 80 umgegangen wurde.

  1. Auf welcher Ebene der Textgeschichte wird angesetzt? Ist der wiederzuverwendende Text Teil des Kanons und damit "Heilige Schrift", aus der wirkmächtig zitiert werden kann? Oder wird der Text in seinem Primärsinn, hier also als Klagelied des Volkes, gebraucht?
  2. Wie sieht die Redesituation aus? Spricht Gott den Menschen an (Ps 80 als "Meditationsgegenstand")? Spricht der Mensch Gott an (Ps 80 als aufrichtiges Gebet?) Sprechen Menschen zu Menschen (Ps 80 in Verbindung mit Ps 81 als "religionspädagogisches Konzept" zur Belehrung)?
  3. Entsprechen sich Entstehungssituation/-intention und die Situation der Wiederverwendung? Ist die "heutige" Situation der Lage damals zu vergleichen oder angemessen?

Im zweiten Schritt geht es um die Konfrontation mit heutigen Gegebenheiten. Nach einer Auseinandersetzung mit verschiedenen Aktualisierungsvorschlägen aus der Forschung werden die Probleme deutlich, die bei der Übertragung des jahrhundertealten Psalmtexts in heutige Situationen entstehen können. Bei der Frage, wo "Klage des Volkes" heute Sinn machen könnte, wird bewußt auf allzu konkrete Aktualisierungsvorschläge verzichtet, denn eine aufrichtige Wiederverwendung kann nicht am "grünen Tisch", in der Sicherheit und Geborgenheit des forscherlichen Schreibtisches erfolgen, sondern muß aus der jeweils drängenden Alltagssituation (und aus dem Herzen der Betroffenen) heraus erfolgen. Ein wichtiger Weg der Aktualisierung ist auch der, daß die Struktur und die Sprechhandlungsfolge der Volksklage wiederentdeckt wird und mit heute drängenden Anliegen und heute verständlichen Begriffen und Bildern gefüllt wird, d.h. konkret, daß basierend auf den Klageliedern der Bibel neue Klagepsalmen mit aktuellen Anliegen formuliert werden.

In einem letzten Punkt ist die Botschaft des Psalms erfaßt, genauer, was der Psalm heute zu sagen hat. Besonders die Frage nach Gott angesichts des unschuldigen Leidens der Menschen, modern: Theodizee, ist einer der überzeitlichen Aspekte des Psalms. Den modernen Umgangsversuchen mit der Theodizee-Frage kann die Haltung des Psalms gegenübergestellt werden, die eine "Lösung" andeutet: Sie besteht darin, daß die Frage nach Gott angesichts menschlichen Leidens offen bleiben muß. Der Psalm beschönigt nichts, erklärt nichts, sondern äußert offen und klar die Nöte der Menschen vor Gott, hält aber damit auch unerschütterlich an der Hoffnung auf Gott fest. Die Rechtfertigung Gottes bleibt Gott selbst überlassen.

In diesem Sinne ist dazu zu ermutigen, die Gebetsform der Klage wiederzuentdecken, da sie einerseits ermöglicht, die menschliche Not zu äußern und vor Gott zur Sprache zu bringen, andererseits aber auch Zeugnis des tiefgläubigen Festhaltens an Gott und damit der Hoffnung ist. Eine Religion oder Liturgie, die die Klage nicht zuläßt, schließt einen wesentlichen Bereich des menschlichen Lebens aus und ist indirekt ein Zeichen eines sehr schwachen, nicht mit Konflikten belastbaren Gottesglaubens. Gerade in der Klage vertieft sich der Glaube aus einem bloßen Für-Wahr-Halten zu einem existentiellen, tragfähigen Vertrauen auf den verantwortlichen Gott, der aus dem Unheil auch wieder zum Heil führt.

Neben dem Literaturverzeichnis enthält die Druckfassung der Arbeit vier Register von insgesamt zehn Druckseiten: eine sinnvolle Auswahl behandelter Bibelstellen, die zitierten Autoren, ein Namens- und Sachregister sowie einen Index hebräischer und anderer fremdsprachlicher Begriffe.

 

Hier: True-Type-Font zur Darstellung der Transkription (gezippt)

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